Sonntag, 30. Dezember 2012

Annas Leben


Es war einmal ein Mädchen. Ihr Name war Anna und sie lebte in einem Hotel. Es stand in seiner Blüte. Sie war die Enkelin des Eigentümers und die Tochter der Angestellten. Da das Hotel recht abgeschieden lag, hatte sie selten die Möglichkeit das Gelände zu verlassen. Ihre Eltern mussten von morgens bis abends arbeiten und ihr Bruder Benjamin, sowie ihre Cousinen Jana und Klara, hatten auch ständig etwas anderes zu erledigen. 
So kam es das Anna gezwungen war mit den Gästekindern zu spielen, wenn sie nicht allein sein wollte. Und davon gab es ja zum Glück einige.
Die Gästekinder und das Spielen mit ihnen hatten allerdings auch ihre Nachteile: Sie waren meistens nach 2 Wochen wieder verschwunden und wenn deren Familien Ausflüge machten war es ihr von ihren Großeltern und Eltern untersagt worden, zu fragen ob sie mitgehen könne.
Wenn die Familien es ihr dann doch anboten, musste sie höfflich ablehnen, denn sie wusste sie würde großen Ärger bekommen, würde sie mitgehen. Sie würde daher auch nie die Initiative ergreifen und von sich aus fragen. Sie war sehr einsam.
Als sie dann doch eines Tages eine Familie begleitete, erwartete sie zu Hause schon der Ärger. Es war unangebracht jemanden zu nötigen sie mitzunehmen.
Anna lernte aus diesen und weiteren Begebenheiten. Sie wurde zum Spezialisten für Kurzzeit-Freundschaften indem sie ihre Persönlichkeit und ihr Verhalten den Kindern anpasste um wenigstens jemanden zum Spielen zu haben. Sie verlor dadurch auch die Fähigkeit sich an Menschen zu Binden und projizierte das Bedürfnis nach Nähe und Gesellschaft auf Gegenstände, die ja niemals ohne sie irgendwo hingehen konnten. Sie konnte und kann es nicht länger mit andern Menschen in ihrem Alter aushalten.
Anna wäre nicht so abhängig von unbeständigen Freundschaften, die ebenso schnell wie sie kamen auch wieder verschwunden waren, und  ihrem Eigentum geworden, wenn sie sich mit den Mädchen aus dem nicht allzu weit entfernten Dorf angefreundet hätte oder ihr Bruder nicht so einen Gefallen an technischen Neuheiten entwickelt hätte oder Jana nicht so eingeschränkt mit ihren geistigen Fähigkeiten gewesen wäre oder Klara nicht so bevormundet worden wäre. 
Aber die Mädchen mochten sie nicht, Benjamin spielte weniger mit ihr, vor Jana bekam sie Angst und Klara - Klara war einfach nur grausam.
Sie versuchte diese Löcher mit ihren üblichen Methoden zu begegnen, aber das Hotel lag im Sterben: Es kamen immer weniger Gäste und die Leitung war so konservativ, dass sie sich gegen jede Neuerung mit Händen und Füßen wehrte.
Es kamen folglich auch weniger Kinder und somit weniger Spielkameraden für Anna. Auch sie ergab sich der Technik: Der Fernseher wurde zu ihrer Bezugsperson, ihrem Geschichtenerzähler, ihrem Freund, ihrer Zuflucht.
Ihre Eltern mussten immer noch von morgens bis abends arbeiten, ihre Großeltern waren immer noch grausam und Anna war wenig an Gehorsam gewohnt. Das einzige was sie nie tun durfte, es hatte sich für immer in ihr Gedächtnis gebrannt, war die Gäste zu belästigen und noch etwas. Sie musste in Gegenwart der strengen Blicke der Verwandten immer ordentlich, höfflich und erzogen sein, oder sich zumindest so verhalten, als wäre sie es.
Wurde sie in die Arbeit im Hotel mit eigespannt, musste sie die Aufgaben unter den Augen der Verwandten, besonders den Strengen und deren die ihr nicht gut gesonnen waren, gewissenhaft, schnell und gut erledigen.
Das passierte bei den letzten Atemzügen des Hotels immer öfter. Sein Tod stand kurz bevor.
Anna verlor einen Teil ihrer Selbst in diesen Zeiten und schuf zur Kompensation neue, andere.
Keine Bindungen. Respekt vor Höheren. Anpassen der Persönlichkeit nach Situation.
Aber der wohl bedeutendste Verlust zeigte sich in der Unfähigkeit ihre Gefühle und Gedanken anderen mitzuteilen und so zu vermitteln das sie diese auch verstanden, denn sie hatte schlussendlich niemanden außer sich selbst. Und selbst diese Person war ihr zu Wider, das erkannte sie, das wurde ihr immer von sich selbst und anderen vor Augen geführt.
Sie war nie die, die sie sein wollte oder nach der sich sehnte zu sein. Sie wollte sich selbst nicht. Wollte das andere für sie entschieden. Es war einfacher und sie konnte es mit der Schuld der anderen rechtfertigen, wenn ihr etwas nicht gefiel, da diese ja für sie entscheiden hatten, und auch aus diesem Grund fühlte Anna sich dazu gezwungen, sich damit abzufinden. Es war nicht ihre Entscheidung.
Sie würde andere immer fragen wer sie sei, wie sie wahrgenommen wurde und sich daran richten.
Anna ist sich sicher, dass sie nie eine Persönlichkeit haben würde, die sie, die Anna wäre. 
Sie würde sie nie finden, denn es hat sie anscheinend nie gegeben und wenn doch, muss sie vor langer, langer Zeit gestorben sein.

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