Es war einmal ein Mädchen. Ihr Name
war Anna und sie lebte in einem Hotel. Es stand in seiner Blüte. Sie war die
Enkelin des Eigentümers und die Tochter der Angestellten. Da das Hotel recht
abgeschieden lag, hatte sie selten die Möglichkeit das Gelände zu verlassen.
Ihre Eltern mussten von morgens bis abends arbeiten und ihr Bruder Benjamin,
sowie ihre Cousinen Jana und Klara, hatten auch ständig etwas anderes zu
erledigen.
So kam es das Anna gezwungen war mit
den Gästekindern zu spielen, wenn sie nicht allein sein wollte. Und davon gab
es ja zum Glück einige.
Die Gästekinder und das Spielen mit
ihnen hatten allerdings auch ihre Nachteile: Sie waren meistens nach 2 Wochen
wieder verschwunden und wenn deren Familien Ausflüge machten war es ihr von ihren
Großeltern und Eltern untersagt worden, zu fragen ob sie mitgehen könne.
Wenn die Familien es ihr dann doch
anboten, musste sie höfflich ablehnen, denn sie wusste sie würde großen Ärger
bekommen, würde sie mitgehen. Sie würde daher auch nie die Initiative ergreifen
und von sich aus fragen. Sie war sehr einsam.
Als sie dann doch eines Tages eine
Familie begleitete, erwartete sie zu Hause schon der Ärger. Es war unangebracht
jemanden zu nötigen sie mitzunehmen.
Anna lernte aus diesen und weiteren
Begebenheiten. Sie wurde zum Spezialisten für Kurzzeit-Freundschaften indem sie
ihre Persönlichkeit und ihr Verhalten den Kindern anpasste um wenigstens
jemanden zum Spielen zu haben. Sie verlor dadurch auch die Fähigkeit sich an
Menschen zu Binden und projizierte das Bedürfnis nach Nähe und Gesellschaft auf
Gegenstände, die ja niemals ohne sie irgendwo hingehen konnten. Sie konnte und
kann es nicht länger mit andern Menschen in ihrem Alter aushalten.
Anna wäre nicht so abhängig von
unbeständigen Freundschaften, die ebenso schnell wie sie kamen auch wieder verschwunden
waren, und ihrem Eigentum geworden, wenn sie sich mit den Mädchen aus dem
nicht allzu weit entfernten Dorf angefreundet hätte oder ihr Bruder nicht so
einen Gefallen an technischen Neuheiten entwickelt hätte oder Jana nicht so
eingeschränkt mit ihren geistigen Fähigkeiten gewesen wäre oder Klara nicht so
bevormundet worden wäre.
Aber die Mädchen mochten sie nicht,
Benjamin spielte weniger mit ihr, vor Jana bekam sie Angst und Klara - Klara
war einfach nur grausam.
Sie versuchte diese Löcher mit ihren
üblichen Methoden zu begegnen, aber das Hotel lag im Sterben: Es kamen immer
weniger Gäste und die Leitung war so konservativ, dass sie sich gegen jede
Neuerung mit Händen und Füßen wehrte.
Es kamen folglich auch weniger Kinder
und somit weniger Spielkameraden für Anna. Auch sie ergab sich der Technik: Der
Fernseher wurde zu ihrer Bezugsperson, ihrem Geschichtenerzähler, ihrem Freund,
ihrer Zuflucht.
Ihre Eltern mussten immer noch von morgens
bis abends arbeiten, ihre Großeltern waren immer noch grausam und Anna war
wenig an Gehorsam gewohnt. Das einzige was sie nie tun durfte, es hatte sich
für immer in ihr Gedächtnis gebrannt, war die Gäste zu belästigen und noch
etwas. Sie musste in Gegenwart der strengen Blicke der Verwandten immer
ordentlich, höfflich und erzogen sein, oder sich zumindest so verhalten, als
wäre sie es.
Wurde sie in die Arbeit im Hotel mit
eigespannt, musste sie die Aufgaben unter den Augen der Verwandten, besonders
den Strengen und deren die ihr nicht gut gesonnen waren, gewissenhaft, schnell
und gut erledigen.
Das passierte bei den letzten
Atemzügen des Hotels immer öfter. Sein Tod stand kurz bevor.
Anna verlor einen Teil ihrer Selbst
in diesen Zeiten und schuf zur Kompensation neue, andere.
Keine Bindungen. Respekt vor Höheren.
Anpassen der Persönlichkeit nach Situation.
Aber der wohl bedeutendste Verlust
zeigte sich in der Unfähigkeit ihre Gefühle und Gedanken anderen mitzuteilen
und so zu vermitteln das sie diese auch verstanden, denn sie hatte
schlussendlich niemanden außer sich selbst. Und selbst diese Person war ihr zu
Wider, das erkannte sie, das wurde ihr immer von sich selbst und anderen vor
Augen geführt.
Sie war nie die, die sie sein wollte
oder nach der sich sehnte zu sein. Sie wollte sich selbst nicht. Wollte das
andere für sie entschieden. Es war einfacher und sie konnte es mit der Schuld
der anderen rechtfertigen, wenn ihr etwas nicht gefiel, da diese ja für
sie entscheiden hatten, und auch aus diesem Grund fühlte Anna sich dazu gezwungen,
sich damit abzufinden. Es war nicht ihre Entscheidung.
Sie würde andere immer fragen wer sie
sei, wie sie wahrgenommen wurde und sich daran richten.
Anna ist sich sicher, dass sie nie
eine Persönlichkeit haben würde, die sie, die Anna wäre.
Sie würde sie nie finden, denn es hat
sie anscheinend nie gegeben und wenn doch, muss sie vor langer, langer Zeit
gestorben sein.